Wallstadt Lesekontor – Wenn leere Bibliotheken erzählen  
  Lesenacht im „Alten Kino“  
 
 
 
   
  Ein Abend mit vielen Emotionen, v.l. Yilmaz Kalender, Dr. Claudia Schöning-Kalender, Günter Ziegler und Ulrich Wellhöfer

Bild: Jakobi
 
 
         
 
 
„Jeder Mensch hat das Recht auf freie Meinungsäußerung; dieses Recht umfasst die Freiheit, Meinungen unangefochten zu vertreten sowie Informationen und Ideen mit allen Kommunikationsmitteln ohne Rücksicht auf Grenzen zu suchen, zu empfangen und zu verbreiten“ (Artikel 19 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen; Dezember 1948)

Am 10. Mai 1933, vor 75 Jahren, fanden in Deutschland Bücherverbrennungen statt. Bücher mit „schädlichem Wissen“ wurden von Ochsen transportiert und dann den Flammen übergeben. Auch in Mannheim wurden nicht nur Bücher von Bert Brecht, Lion Feuchwanger, Alfred Döblin, Erich Kästner, Anna Seghers, Klaus Mann, Arthur Schnitzler, Kurt Tucholsky und Stefan Zweig ein Opfer der Flammen. Mit einer Lesenacht wollten Dr. Claudia Schöning-Kalender Günter Ziegler, Ulrich Wellhöfer und Gastgeber Yilmaz Kalender an die Verfolgten, an die Verbannten und letztendlich an die verbrannten Werke vieler Autoren und Autorinnen erinnern. Ein besonderes Augenmerk legte man dabei auch auf die Geschichte der Bücherverbrennung. Bereits in der Apostelgeschichte 19, 19 kann man lesen „Viele aber, die Zauberei getrieben hatten, brachten ihre Bücher zusammen und verbrannten sie öffentlich“.......Am 10. Dezember 1520 ließ Martin Luther die kanonischen Rechtsbücher und die päpstlichen Bannbulle „Exsurge Domine“ verbrennen. Luthers Schriften wurden auf Erlass von Karl V. am 10. März des Jahres 1521 verbrannt. Auf dem Wartburgfest am 19. Oktober 1817 wurden symbolisch mehrere Dutzend als reaktionär und undeutsch eingestufte Bücher verbrannt. Aus dem Werk von Nazim Hikmet „Fragen eines lesenden Arbeiters“, der auch noch lange Jahre nach seinem Tod (1963) in seiner türkischen Heimat verboten war, las Yilmaz Kalender. Eine beeindruckende Frau war ohne Zweifel Alexandra Kollontai. Sie beschäftigte sich mit Frauen und ihrem Schicksal. Aus dem Buch der weltoffenen und hochgebildeten russischen Diplomatin „Wege der Liebe“ las Dr. Claudia Schöning-Kalender. Günter Ziegler las einen Brief Stefan Zweig an Hermann Hesse vor. Die Innere Unruhe und die Qual des Verdammtseins, des Ausgestossenseins aus der Welt seines persönlichen Lebens, dem Verlust der Heimat, der Freunde und das Heimweh spiegeln sich in dem Brief wieder. „Verbrannt und Vergessen“, das trifft auf den von Ulrich Wellhöfer gelesenen Autor zu. Alexan – Alexander Kupfermann „Im Schützengraben der Heimat. „Es sind nicht nur viele Autoren verbannt, deren Werke verbrannt worden, sie sind auch in Vergessenheit geraten“ und Wellhöfer weiter: „Es wurden viele Gedanken nicht mehr weitergegeben“. Alexan wurde in Mannheim geboren und starb 1996. Gemeinsam erinnerte man an Schriftsteller wie Alexander Isajewitsch Solchenyzin, der verbannt wurde, an Rainer Kunze (Die wunderbaren Jahre) der in der DDR verboten wurde, an Salman Rushdie, der gejagt wurde, oder an die öffentliche Vernichtung von „anti-kommunistischen“ Büchern, in der Volksrepublik China. Zum Schluss gab es Beifall für die mitwirkenden Leser, die mit diesem Abend vergessene Autoren und bekannte Autoren wieder in unsere Erinnerung gebracht haben.

obi